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Inselklinik Rheinau
Nachlese zur FDP-Wahlveranstaltung
Als gebürtiger Rheinauer konnte ich die wechselhafte Entwicklung der Klosteranlage
Rheinau aus nächster Nähe beobachten: Anstalt, Psychiatrische Klinik, Asylantenheim,
Bezirksgefängnis, Stiftung Fintan... Ich war gespannt, was andere dazu denken und
besuchte deshalb als SPler eine FDP-Veranstaltung.
Ich kann mir gut den Schmerz vorstellen, den die treuen Katholiken haben mussten, als
vor rund 130 Jahren die ersten Irren mit dem Pferdefuhrwerk vom Bahnhof Marthalen nach
Rheinau gebracht wurden. Zudem sind mir noch immer die Tränen alter Rheinauer in
Erinnerung, als sie anlässlich der 1200-Jahrfeier bei einer Führung im Landesmuseum die
aus dem Kloster abtransportierten Kunstschätze sahen. Ich geringschätze diese tiefen
Gefühle nicht. Trotzdem muss festgehalten werden, dass die enge Verbindung zwischen
Rheinau und dem Kanton Zürich nicht nur negative Seiten hatte. Wer weiss, was aus der
mächtigen Barockanlage geworden wäre, hätte sich im vergangenen Jahrhundert nicht der
Staat ihrer angenommen. Wer hätte, wie der Kanton in den letzten Jahrzehnten, Millionen
in die Renovation von Kirche und Umgebung investiert? Und sicher würde der schwerfällige
Querbau noch heute stehen, wäre er nicht im Zusammenhang mit der Auflösung des
Bezirksgefängnisses abgebrochen worden. In den letzten Jahren jedoch, auch das muss
gesagt sein, wurde das Klima angespannter. Zürich sparte an allen Ecken und Enden und das
Geld floss nicht mehr so reichlich. Es ist unbestritten: Die bevorstehende Schliessung der
Inselklinik muss im Zusammenhang mit der Finanzlage des Kantons gesehen werden. In ihrer
Wahlpropaganda brüstet sich die FDP damit, zusammen mit den anderen bürgerlichen
Parteien den Staat aus dem Defizit geführt zu haben. Ich mag ihr diesen kurzfristigen
Erfolg durchaus gönnen. Am Beispiel Rheinau zeigt sich aber ganz deutlich, wer bei dieser
Politik auf der Strecke bleibt. Wenn nur das zählt, was Geld bringt, dann haben nicht nur
soziale Einrichtungen wie etwa die Psychiatrie, sondern auch die Kunstdenkmäler das
Nachsehen.
Die FDP-Wahlveranstaltung von vergangener Woche war der Zukunft der Insel Rheinau
gewidmet. Die Kantonsratskandidatin und die beiden Kantonsratskandidaten der FDP
versuchten, Visionen zu entwickeln. Es blieb allerdings bei einigen vagen Ideen, die auch
schon am Stammtisch zu hören waren: Bildungsstätte à la Kartause Ittingen, Hotel,
Altersheim (natürlich nur für die Reichen), Veranstaltungsort für Konzerte. Den sehr
zahlreich aufmarschierten Interessierten wurde etwas gar wenig geboten, wenn ich annehmen
darf, dass sich die Podiumsteilnehmer vorbereitet hatten.
Leid taten mir die ebenfalls anwesenden Regierungsratskandidaten der FDP. Sie waren bei
diesem Lokaltermin offensichtlich überfordert. Jeker betonte, dass eine Lösung
"kostenneutral" sein müsse. Mit anderen Worten: Jeker will keine
Subventionierung der Insel durch den Staat. Selbst gutbürgerliche Politiker brüskierte
diese wohl etwas vorschnell geäusserten Absicht. Der ehemalige Leiter des Gutsbetriebes
und langjährige SVP-Gemeindepräsident meinte denn auch, es sei zwar schön und gut, wenn
man hier Visionen entwickle, aber man dürfe Zürich nicht so einfach springen lassen.
Es scheint mir, die FDP des Bezirkes will sich ein Thema unter den Nagel reissen, ohne
selber über eigene Ideen zu verfügen. Der Gesprächsleiter forderte denn auch ein übers
andere Mal die Zuhörer zum Mitdenken auf. Es zeigte sich aber, dass die Lösung für eine
sinnvolle, zukunftsgerichtete Nutzung des Barockjuwels nicht so einfach zu finden ist.
Für mich ist klar, dass hier das von den Bürgerlichen so gern propagierte Schlagwort
"Eigenverantwortung" nicht sticht. Gefragt sind nun Leute, die nicht um jeden
Preis eine privatwirtschaftliche Lösung suchen, sondern den Staat auf
unmissverständliche Art darauf hinweisen, dass er in der Verantwortung steht. Ich
zweifle, ob die FDP, die immer wieder den schlanken Staat fordert, diesbezüglich
genügend legitimiert ist. Da genügt es nicht, wenn der Bezirkspräsident die sonst
überzeugende Dorothée Fierz schulmeisterlich in die Pflicht nimmt mit der Bemerkung, man
werde dann vorbeikommen, wenn sie im Kaspar Escher-Haus sitze. Hier sind nur Personen
glaubwürdig, die dafür einstehen, dass der Staat eine ganze Reihe von Aufgaben zu
übernehmen hat, auch wenn es etwas kostet.
Gefragt sind Leute aus einem überparteilichen Komitee, die sich nicht nur mit dem
Thema beschäftigen, weil gerade Wahlen sind. Im Verein "Pro Insel Rheinau" sind
Persönlichkeiten aus allen Parteien (auch der FDP) zusammengeschlossen, denen ich diese
Aufgabe zutraue. Wer jedoch glaubt, mit der Insel Rheinau ein "billiges"
Wahlkampfthema gefunden zu haben, der könnte die Rechnung ohne die Rheinauer
Stimmbürgerinnen und Stimmbürger gemacht haben. |