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Letzte Aktualisierung: 09.06.05
   

flag.gif (871 bytes) Inselklinik Rheinau

Nachlese zur FDP-Wahlveranstaltung

Als gebürtiger Rheinauer konnte ich die wechselhafte Entwicklung der Klosteranlage Rheinau aus nächster Nähe beobachten: Anstalt, Psychiatrische Klinik, Asylantenheim, Bezirksgefängnis, Stiftung Fintan... Ich war gespannt, was andere dazu denken und besuchte deshalb als SPler eine FDP-Veranstaltung.

Ich kann mir gut den Schmerz vorstellen, den die treuen Katholiken haben mussten, als vor rund 130 Jahren die ersten Irren mit dem Pferdefuhrwerk vom Bahnhof Marthalen nach Rheinau gebracht wurden. Zudem sind mir noch immer die Tränen alter Rheinauer in Erinnerung, als sie anlässlich der 1200-Jahrfeier bei einer Führung im Landesmuseum die aus dem Kloster abtransportierten Kunstschätze sahen. Ich geringschätze diese tiefen Gefühle nicht. Trotzdem muss festgehalten werden, dass die enge Verbindung zwischen Rheinau und dem Kanton Zürich nicht nur negative Seiten hatte. Wer weiss, was aus der mächtigen Barockanlage geworden wäre, hätte sich im vergangenen Jahrhundert nicht der Staat ihrer angenommen. Wer hätte, wie der Kanton in den letzten Jahrzehnten, Millionen in die Renovation von Kirche und Umgebung investiert? Und sicher würde der schwerfällige Querbau noch heute stehen, wäre er nicht im Zusammenhang mit der Auflösung des Bezirksgefängnisses abgebrochen worden. In den letzten Jahren jedoch, auch das muss gesagt sein, wurde das Klima angespannter. Zürich sparte an allen Ecken und Enden und das Geld floss nicht mehr so reichlich. Es ist unbestritten: Die bevorstehende Schliessung der Inselklinik muss im Zusammenhang mit der Finanzlage des Kantons gesehen werden. In ihrer Wahlpropaganda brüstet sich die FDP damit, zusammen mit den anderen bürgerlichen Parteien den Staat aus dem Defizit geführt zu haben. Ich mag ihr diesen kurzfristigen Erfolg durchaus gönnen. Am Beispiel Rheinau zeigt sich aber ganz deutlich, wer bei dieser Politik auf der Strecke bleibt. Wenn nur das zählt, was Geld bringt, dann haben nicht nur soziale Einrichtungen wie etwa die Psychiatrie, sondern auch die Kunstdenkmäler das Nachsehen.

Die FDP-Wahlveranstaltung von vergangener Woche war der Zukunft der Insel Rheinau gewidmet. Die Kantonsratskandidatin und die beiden Kantonsratskandidaten der FDP versuchten, Visionen zu entwickeln. Es blieb allerdings bei einigen vagen Ideen, die auch schon am Stammtisch zu hören waren: Bildungsstätte à la Kartause Ittingen, Hotel, Altersheim (natürlich nur für die Reichen), Veranstaltungsort für Konzerte. Den sehr zahlreich aufmarschierten Interessierten wurde etwas gar wenig geboten, wenn ich annehmen darf, dass sich die Podiumsteilnehmer vorbereitet hatten.

Leid taten mir die ebenfalls anwesenden Regierungsratskandidaten der FDP. Sie waren bei diesem Lokaltermin offensichtlich überfordert. Jeker betonte, dass eine Lösung "kostenneutral" sein müsse. Mit anderen Worten: Jeker will keine Subventionierung der Insel durch den Staat. Selbst gutbürgerliche Politiker brüskierte diese wohl etwas vorschnell geäusserten Absicht. Der ehemalige Leiter des Gutsbetriebes und langjährige SVP-Gemeindepräsident meinte denn auch, es sei zwar schön und gut, wenn man hier Visionen entwickle, aber man dürfe Zürich nicht so einfach springen lassen.

Es scheint mir, die FDP des Bezirkes will sich ein Thema unter den Nagel reissen, ohne selber über eigene Ideen zu verfügen. Der Gesprächsleiter forderte denn auch ein übers andere Mal die Zuhörer zum Mitdenken auf. Es zeigte sich aber, dass die Lösung für eine sinnvolle, zukunftsgerichtete Nutzung des Barockjuwels nicht so einfach zu finden ist. Für mich ist klar, dass hier das von den Bürgerlichen so gern propagierte Schlagwort "Eigenverantwortung" nicht sticht. Gefragt sind nun Leute, die nicht um jeden Preis eine privatwirtschaftliche Lösung suchen, sondern den Staat auf unmissverständliche Art darauf hinweisen, dass er in der Verantwortung steht. Ich zweifle, ob die FDP, die immer wieder den schlanken Staat fordert, diesbezüglich genügend legitimiert ist. Da genügt es nicht, wenn der Bezirkspräsident die sonst überzeugende Dorothée Fierz schulmeisterlich in die Pflicht nimmt mit der Bemerkung, man werde dann vorbeikommen, wenn sie im Kaspar Escher-Haus sitze. Hier sind nur Personen glaubwürdig, die dafür einstehen, dass der Staat eine ganze Reihe von Aufgaben zu übernehmen hat, auch wenn es etwas kostet.

Gefragt sind Leute aus einem überparteilichen Komitee, die sich nicht nur mit dem Thema beschäftigen, weil gerade Wahlen sind. Im Verein "Pro Insel Rheinau" sind Persönlichkeiten aus allen Parteien (auch der FDP) zusammengeschlossen, denen ich diese Aufgabe zutraue. Wer jedoch glaubt, mit der Insel Rheinau ein "billiges" Wahlkampfthema gefunden zu haben, der könnte die Rechnung ohne die Rheinauer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger gemacht haben.

 

Leserbrief von Andreas Jenni, erschienen in der Andelfinger Zeitung im März 99

 
    
 
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